Zur Jahrtausendwende, In einer Zeit, als uns vermehrt Medienbilder mit Menschen in Schutzanzügen erreichten, entstand die Werkgruppe HI. Aus den aktuellen Anlässen um COVID-19 möchte ich HI meiner derzeit im Aufbau befindlichen Website voranstellen.

At the turn of the millennium, in a time when an increasing number of media images featuring people in protective suits reached us, the working group HI was created. Due to current events around the outbreak of COVID-19, I would like to introduce my website, which is currently under construction, to HI.

VIRGINSNOW

Film, Länge 06:59 min, Farbe und Ton, DVD, 2006

PANORAMA

Dagmar Varady, Panorama, colorama, archival, 2006
32 × 235 × 12 cm, 1/6 + 2 AP

MEDIENBILDER MIT SCHUTZANZÜGEN

(1) 2002, Privates Bildarchiv (Spiegel)

(2) Corona/Covid-19, aktuelle Meldungen in der Woche v. 23.03.2020, Privates Bildarchiv

(3) Meldung in den Tagesmedien zu den Verwüstungen durch den Hurrikan „Katrina“ in New Orleans im Jahr 2005. Privates Bildarchiv (MZ)

(4) „Wolkenlabor Leipzig“ (LACIS), 2006, Privates Bildarchiv

WOLKENSIMULATOR

(1)

(2)

(3)

(4)

(5)

(1) Dagmar Varady, Ohne Titel, colorama, archival, 2006
80 × 140 × 12 cm, 1/6 + 2 AP, series of 5

(2) Dagmar Varady, Katrina, colorama, archival, 2006
85 × 85 × 12 cm, 1/6 + 2 AP, series of 5

(3) Dagmar Varady, Ohne Titel, colorama, archival, 2006
50 × 110 × 12 cm, 1/6 + 2 AP, series of 5

(4) Dagmar Varady, Wolkensimulator, colorama, archival, 2006
125 × 100 × 12 cm, 1/6 + 2 AP, series of 5

(5) Dagmar Varady, Ohne Titel, colorama, archival, 2006
65 × 105 × 12 cm, 1/6 + 2 AP, series of 5

WOLKEN UND WISSENSGRENZEN

Zu den Arbeiten von Dagmar Varady
Susanne Witzgall
(Vortragstext anlässlich der Ausstellungseröffnung im Zumikon Nürnberg am 30. September 2010)

Künstler_innen der Gegenwart untersuchen Wolken, erstellen eine eigene Naturgeschichte, archivieren Wasserfälle und beschäftigen sich mit wissenschaftlichen Theorien zum Bienentanz. Sie konstruieren Phänobjekte, unterhalten einen Forschungsraum für Unkraut, bauen Beobachtungsstationen für Vögel und Insekten oder erstellen wissenschaftlich anmutende Modelle von Urzeitwesen. Gerade seit den 1990er Jahren adaptieren mehr und mehr Künstler_innen naturwissenschaftliche Arbeitsweisen, installieren fiktive wissenschaftliche Labore, Versuchsanordnungen und Observatorien oder lehnen sich an wissenschaftliche Vermittlungsformen an. Allerdings verfolgen sie dabei keine systematische Ordnung und wissenschaftliche Erforschung der taxierten Natur, stattdessen be- und hinterfragen sie den naturwissenschaftlichen Zugang zur Welt, seine Strategien und Gesetzmäßigkeiten, beschäftigen sich mit den wissenschaftlichen Methoden und Repräsentationsformen sowie der Art und Weise der wissenschaftlichen Wissensproduktion. Sie reflektieren die wissenschaftlichen Strategien und Erkenntnisbedingungen und zeigen auf, dass auch das wissenschaftliche Wissen nicht objektiv, transkulturell und ahistorisch ist, sondern immer abhängt von persönlichen, institutionellen, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Einige Künstler_innen interessieren sich in diesem Zusammenhang für besonders komplexe und auch von der Wissenschaft sehr schwer zu erfassende Phänomene sowie für verworfene Seitenwege des wissenschaftlichen Wissens – für falsifizierte und utopische Theorien der Wissenschaften. In beiden Fällen offenbart sich vor allem eins: die Grenze der wissenschaftlichen Erkenntnis, die Grenze der wissenschaftlichen Vermessung und Beherrschung der Welt oder, wie Dagmar Varady sagen würde, die Grenze unseres „irdischen Wissens“ überhaupt. Um diese Grenze der wissenschaftlichen Erkenntnis und Möglichkeiten der Grenzüberschreitung auszuloten, typisieren Künstler_innen beispielsweise die eigenwilligen Formationen und Anordnungen von Kuhbefleckungen, experimentieren mit der telepathischen Beziehung von Mensch und Mücke, machen sich auf die Suche nach der Lebensenergie, die eine Salatgurke ebenso wie das mit Nahrung gefüllte Hinterteil einer Ameise anschwellen lässt, und interessieren sich für das menschliche Gehirn oder wie Dagmar Varady für die Wolke – zwei Phänomene, welche in ihrer Komplexität und steten Neuorganisation die Wissenschaft immer noch vor ungelöste Rätsel stellt, sie also schlicht überfordert.

Nach Dagmar Varady sind Wolken das ideale Objekt auf der Suche nach den Grenzverläufen unseres irdischen Wissens. Denn Wolken sind Ansammlungen von winzigen Wassertröpfchen oder -kristallen. Diese Ansammlungen befinden sich in ständigem Wandel und bilden und formieren sich auf eigenwillige Weise stets neu.

Die Eigenschaften oder Strukturen der Wolken organisieren sich spontan infolge eines Zusammenspiels ihrer Elemente, können aber nicht aus den Eigenschaften dieser Elemente erklärt werden. Sie sind, kurz gesagt, emergente Systeme. Wolken entziehen sich der menschlichen Erfassbarkeit und Kontrolle. Und es gibt für diese menschliche Ohnmacht angesichts der Komplexität und ephemeren Erscheinung von Wolken wohl kein prägnanteres Bild als Varadys Lightbox Wolkensimulator.

In Wolkensimulator ist die fotographische Aufnahme einer Versuchsanordnung zur Erzeugung künstlicher Wolken – die übrigens tatsächlich in Leipzig existiert – in eine dreidimensional wirkende, durchleuchtete Darstellung übersetzt. Eine Wolke ist jedoch nicht zu sehen. Stattdessen agieren die weiß vermummten Wissenschaftler_innen etwas verloren ihn ihrem aufwendigen Experimentalsystem, das nur dazu da ist künstlich und auf komplizierte Art und Weise ein Phänomen zu erzeugen, das die Natur mit selbstverständlicher Leichtigkeit an den Himmel zaubert. Doch noch nicht einmal das scheint gelungen. Die Experimentator_innen tappen ganz offensichtlich im Dunkeln und selbst das Licht der Lightbox ebenso wie die plastische Darstellung des Bildes führt zu keiner Erhellung.

Komplexe Phänomene wie die Wolken sind ebenso wie überholte, für falsch erklärte Wissenschaftstheorien allerdings nicht nur dazu prädestiniert die Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis und die Kontingenz wissenschaftlichen Wissens zu offenbaren. Sie fordern Künstler_innen geradezu heraus, sich Phänomenen auf andere Art und Weise zu nähern und eröffnen ihnen die Möglichkeit, die Welt anders zu denken. Dagmar Varady nähert sich der Wolke beispielsweise durch Zeichnen an. In immer gleichen Abmessungen und über einen längeren Zeitraum zeichnet sie immer die gleiche Wolke. Dabei entstehen 12 verschiedene Zeichnungen von ein und demselben Wolkenmotiv, das aber immer anders aussieht, da es nicht gelingt den diffusen Gegenstand immer gleich zu kopieren und der Kopiervorgang stets wechselnden Gedanken, Stimmungen und Beobachtungen unterworfen ist. Der Zeichenprozess selbst wird zu einem eigenen emergenten System, dass sich stets neu organisiert und als flüchtig offenbart. So entlarven sich Varadys Zeichnung auf der einen Seite selbst als konstruiert und vorläufig – wie jede andere Visualisierung oder Beschreibung der Natur – und erforschen den eigenen Wahrnehmungs- und Abbildungsprozess. Auf der anderen Seite erweisen sie sich als ein alternativer Weg der Naturbeschreibung, der für das Unformulierbare und Unfassbare ein anderes Denk- und Darstellungsmodell, einen anderen – ästhetischen – Ausdruck findet. Das Zeichnen ist für Dagmar Varady nicht zuletzt ein Prozess der Wissensproduktion. In diesem Prozess sagt das Herantasten an das untersuchte Phänomen ebenso viel über das Wesen der Wolke aus, wie die subjektiven Gedanken und persönlichen Phantasien, die der Anblick der Wolke hervorruft und die eine zusätzliche phantastisch-sinnliche Dimension des Grenzphänomens Wolke eröffnen.

WORAN GLAUBEN SIE?

Die Verkündigung Mariae, L’Annunciazione, Leonardo da Vinci und Andrea del Verrocchio, circa 1472–1475 (Renaissance) Öl und Tempera auf Holz 98 ×  217  cm Galleria degli Uffizi, Florenz

Dagmar Varady, Katrina II, colorama, archival, 2018
85 × 85 × 12 cm, 1/6 + 2 AP, series of 5